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Das vierte Lebensalter: Wie können Menschen auch im hohen Alter gut leben?

 

Die Menschen in Deutschland werden immer älter. Doch obwohl die Hochaltrigen die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe in Deutschland sind, gelten sie unter Wissenschaftlern als »unbekannte Population«. Eine repräsentative Studie soll nun neue Erkenntnisse über das vielfältige Leben im Alter liefern. Die Ergebnisse könnten unser Bild vom Altern ändern.

von Andreas Kirchner

Das Theater ist Rosemarie Rohrs Leidenschaft. Hier trifft sie Freunde und Bekannte, hält sich fit, denkt über sich und ihr Leben nach. Das Entwickeln neuer Stoffe, die wöchentlichen Proben im Freien Werkstatttheater in der Kölner Südstadt und natürlich die Auftritte auf den Brettern, die die Welt bedeuten – ein Leben ohne Theater mag sie sich gar nicht mehr vorstellen. 

Schon als kleines Mädchen wollte Rosemarie Rohr Schauspielerin werden. Heute ist sie 84 Jahre alt, wohnt in der Nähe des Kölner Barbarossaplatzes – »gegenüber vom Blue Shell« – und hat einen neuen Freund. Einmal pro Woche kommt eine Putzhilfe, Pflege benötigt sie nicht. Ihre Tochter wohnt auf Madeira und würde sie gerne zu sich holen, aber Frau Rohr wohnt gerne unter all den jungen Leuten im »Kwartier Latäng«. Und wenn es nach ihr geht, bleibt das auch in Zukunft so. 

Unbekannte Hochaltrige

Die passionierte Schauspielerin ist eine von einer Million Hochaltrigen, die aktuell in Nordrhein-Westfalen leben. Im demographischen Sinn gelten Menschen dann als hochaltrig, wenn mindestens die Hälfte ihres Geburtsjahrganges bereits verstorben ist. Gegenwärtig gilt dies für Menschen ab einem Alter von 80 Jahren. Obwohl es sich bei den Hochaltrigen um die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe handelt, gelten sie aus wissenschaftlicher Sicht als »unbekannte Population«, die in sozialwissenschaftlichen Umfragen unterrepräsentiert ist. Zwar liegen aus existierenden Studien, wie zum Beispiel dem Deutschen Alterssurvey (DEAS) oder den Heidelberger Hundertjährigenstudien, Hinweise auf die Lebensumstände und die Lebensqualität auch sehr alter Menschen vor. Viele Altersstudien enthalten jedoch starke Einschränkungen, beispielsweise indem sie sich bei der Auswahl der Befragten auf bestimmte Jahrgänge, Gesundheitszustände oder soziale Schichten konzentrieren oder eine zu geringe Stichprobengröße aufweisen. Kurz: In bisherigen Studien gewonnene Aussagen über hochaltrige Personen sind nur sehr begrenzt verallgemeinerbar. Dies will das interdisziplinäre Forscherteam um Projektkoordinator Dr. Roman Kaspar von ceres, dem Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health, mit der auf drei Jahre angelegten Studie NRW80+ nun ändern: 1.800 zufällig ausgewählte Menschen über 80 Jahre sollen hier Auskunft zu ihrer Lebensqualität und ihrem subjektiven Wohlbefinden geben. 

Angesichts der demographischen Entwicklung liegt die Notwendigkeit einer repräsentativen Hochaltrigenstudie auf der Hand: Der Politik fehlen verlässliche Informationen und damit die Planungsgrundlagen für eine zielgruppenorientierte Politik für ältere Menschen. NRW80+ versucht hierzu auf drei Ebenen einen Beitrag zu leisten: Zunächst einmal beschreibt das Forschungsprojekt detailliert die Lebensmöglichkeiten und -ergebnisse der Hochaltrigen in NRW. Die beobachteten Unterschiede in der Lebensqualität werden anschließend bewertet und erklärt. Und schließlich sollen auf einer normativen Ebene die Implikationen der Befragungsergebnisse für vorherrschende Altersbilder herausgearbeitet werden. Auf Basis dessen sollen der gesellschaftliche Diskurs über das gute Leben im Alter vorangetrieben sowie Empfehlungen für Politik und Gesellschaft ausgesprochen werden. »Wir sind zuversichtlich, im Austausch mit Praxispartnern und politischen Entscheidungsträgern neue Impulse für Handlungsstrategien geben zu können, die auf die Bedürfnisse der Hochaltrigen eingehen und ihre Lebensqualität langfristig verbessern helfen«, sagt Kaspar. 

Vielfalt des Alterns

Die Menschen werden nicht nur immer älter, das Leben der Hochaltrigen stellt sich heute auch überraschend unterschiedlich dar. Während die Großeltern früher in der Regel im Kreise ihrer Familie blieben und gegebenenfalls auch von dieser gepflegt wurden, gibt es inzwischen eine große Vielfalt an Wohn- und Versorgungskonstellationen, unter denen sich das Mehrgenerationenhaus ebenso findet wie Alten- und Pflegeheime, eigene Wohnungen oder Alten-WGs. 

Wo Menschen ihr »viertes Lebensalter« verbringen, hängt in hohem Maße von ihrem Gesundheitszustand und ihren Unterstützungsressourcen ab. »Leider ist ein langes Leben nicht automatisch gleichbedeutend mit hinzugewonnenen gesunden Jahren. Gerade Hochaltrige leiden häufig längere Zeit unter körperlichen und geistigen Einschränkungen, die es ihnen teilweise unmöglich machen, ihren Haushalt selbständig zu führen«, sagt Kaspar. Nicht selten nehmen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen auch die Möglichkeiten zur Teilnahme am sozialen Leben ab: »Hier im Altentheater sind alle geistig fit, sonst könnten sie sich ja den Text nicht merken«, stellt Frau Rohr klar, die sich ihrer privilegierten Situation durchaus bewusst ist. »Ich weiß, dass es viele alte Menschen gibt, denen es nicht so gut geht wie mir und die nicht mehr die Möglichkeit haben, ihre Freizeit aktiv zu gestalten.« 


Theoretische und methodische Vorarbeiten

Gerade bei einer Hochaltrigenstudie kommt der theoretischen und methodischen Fundierung besondere Bedeutung zu. Zunächst einmal geht es darum zu überprüfen, welche Bestandteile gängiger Konzepte von Lebensqualität sich auf Hochaltrige übertragen lassen und an welchen Stellen Anpassungen vorgenommen werden müssen. Natürlich sind auch im Alter Faktoren wie die ökonomische Situation oder soziale Beziehungen wichtig. Wie Kaspar ausführt, verändert sich aber die Gewichtung und es kommen neue Elemente hinzu: »Die Gesundheit spielt sicher eine größere Rolle als bei jüngeren Menschen. Auch Fragen nach der Sinnhaftigkeit und Endlichkeit des eigenen Lebens sowie nach der Generativität rücken stärker in den Mittelpunkt. Eine Besonderheit unseres theoretischen Konzepts von Lebensqualität besteht darin, dass es sich nicht allein auf subjektives Wohlbefinden als Qualitätskriterium beschränkt, sondern Aspekten der konkreten Lebensführung einen auch theoretisch eigenständigen Stellenwert zuschreibt.« 

Auch in Bezug auf das Forschungsdesign gibt es bei der untersuchten Bevölkerungsgruppe besondere Herausforderungen zu meistern: Zwar ist die prinzipielle Erreichbarkeit alter Menschen sehr hoch, es stellt sich jedoch die Frage, wie es um deren Bereitschaft bestellt ist, an einer wissenschaftlichen Studie teilzunehmen, die möglicherweise substanzielle und sensible Themen anspricht. Auch ist keineswegs gesagt, dass die Zielpersonen überhaupt auskunftsfähig sind. 

Besonders anspruchsvoll ist die Durchführung einer Befragung bei Menschen, die unter Betreuung stehen oder in einer Pflegeeinrichtung leben: Häufig ist es hier sinnvoll, Angehörige, Betreuer oder Pflegende mit in die Kontaktaufnahme und Befragung einzubeziehen, um den älteren Menschen die Möglichkeit zu geben, die eigene Perspektive in die Untersuchung einzubringen. Über sogenannte Proxy-Interviews mit nahestehenden und vertrauten Personen sollen auch wesentliche Aspekte der Lebensumstände und Lebensführung von nicht-auskunftsfähigen Hochaltrigen in der Studie mitberücksichtigt werden. Damit will sich die Studie explizit von der gängigen Umfragepraxis abheben, die bislang nahezu ausschließlich auf Personengruppen fokussiert ist, die in vollem Umfang für sich selbst sprechen können. 

Umfangreiche Vorstudien Von der theoretisch-methodischen Fundierung über die Durchführung der repräsentativen Umfrage bis hin zur Formulierung von Empfehlungen für Politik und Gesellschaft ist es ein langer, mit viel wissenschaftlicher Detailarbeit verbundener Weg. 

So wurde im Zuge der Vorbereitung der Repräsentativstudie ein Sozialforschungsinstitut mit der Durchführung einer Erreichbarkeitsstudie beauftragt. »Wie können ältere Menschen und ihr Umfeld angesprochen werden, damit sich auch stärker belastete Personen an einer Umfrage beteiligen? Wie viele Hochaltrige müssen insgesamt kontaktiert werden, um die angestrebten 1.800 Interviews zu realisieren? Welche Personen sind verfügbar, um in der Befragungssituation zu unterstützen oder stellvertretend Auskunft zu geben? Fragen wie diese soll die Erreichbarkeitsstudie beantworten«, erklärt Kaspar. Parallel dazu führt das Forschungsteam zahlreiche Probeinterviews durch, um den Fragebogen auf seine Praxistauglichkeit hin zu überprüfen und an die Bedürfnisse und Möglichkeiten von Hochaltrigen anzupassen. 

Differenzierte Altersbilder

Die Repräsentativbefragung selbst wird im Anschluss an die methodische Konsolidierung durchgeführt und inklusive Auswertung etwa zwölf Monate in Anspruch nehmen. Auf die Ergebnisse darf man schon jetzt gespannt sein. Denn dann wird das Idealbild vom selbstbestimmten und gesunden Altern, das wir uns für unsere Familie, Freunde und uns selbst wünschen, mit umfangreichem empirischem Datenmaterial konfrontiert werden. Eines lässt sich allerdings schon jetzt absehen: Auch wenn es ermutigend und inspirierend ist, Menschen wie Frau Rohr zu begegnen, wäre es unangebracht, Lebensqualität im Alter auf die Teilhabe an kulturellen, sozialen oder politischen Aktivitäten zu reduzieren. Vielmehr wird es in Zukunft darum gehen, auch jenseits gängiger Vorstellungen vom geistig regen und körperlich fitten Leben der großen Vielfalt an Wünschen, Bedürfnissen und Präferenzen hochaltriger Menschen gerecht zu werden. Aber dafür müssen wir erst einmal wissen, worin sie bestehen. 


NRW80+ –
Lebensqualität und Menschen in NRW subjektives Wohlbefinden hochaltriger Menschen in NRW


Direktorium:
Prof. Dr. Christian Rietz,
Prof. Dr. Michael Wagner,
Prof. Dr. Christiane Woopen,
Prof. Dr. Susanne Zank

Forschungsteam:
Dr. Roman Kaspar(Koordination),
Luise Geithner, Anna Janhsen,
Michael Neise,
Carolin Kinne-Wall

Kontakt:
nrw-80plus(at)uni-koeln.de

www.ceres.uni-koeln.de/forschung/nrw80