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Foto: nexd GbR

Eine Altersgrenze gibt es nicht

Eine neue Sprache, Soft Skills oder ein ganzes Studium: Lernen kann man bis ins hohe Alter. 

 

Das Bild von passiven Seniorinnen und Senioren ist längst überholt. Kölner Alternswissenschaftlerinnen haben untersucht, wie ältere Menschen lernen. Ob im Seniorenstudium oder in selbstorganisierten Gruppen – gerade wenn es darum geht, etwas Neues zu lernen, sind sie heute viel selbstbestimmter.

von Sebastian Grote

Barbara Maubach könnte einfach ihre Freizeit genießen und auf ein erfolgreiches Studium sowie ein noch erfolgreicheres Berufsleben zurückblicken. Und doch ist während der Vorlesungszeit der Sonntag im Kalender der Rentnerin sehr oft für Studienlektüre reserviert. »Montags habe ich Uni und ich möchte alles so gelesen haben, dass ich mich sinnvoll am Gespräch beteiligen kann«, sagt Maubach. Die Kölner Rentnerin hat sich 2003 zum ersten Mal für das Seniorenstudium an der Uni eingeschrieben. Derzeit besucht sie einen Arbeitskreis und Projektgruppen zu Alternsbildern in Literatur und Film. Die Studierenden entscheiden selbst, was sie lesen und worüber sie diskutieren. Trotzdem kann auch da ein gewisser Druck entstehen, etwa wenn sie gemeinsam beschließen, ihre Diskussionsergebnisse schriftlich festzuhalten und auf die Internetseite der Projektgruppe zu stellen. »Heute muss ich damit aber niemandem mehr etwas beweisen und auch keine Prüfungen machen «, sagt Maubach. »Das ist ein Anspruch, den ich an mich selbst habe.« 

An der Uni Köln waren im vergangenen Wintersemester 875 GasthörerInnen eingeschrieben, die älter als 50 Jahre sind und mit ganz unterschiedlichen Motiven in die Seminarräume und Hörsäle kommen. Manche wollen nach dem Berufsleben noch einmal etwas ganz Anderes ausprobieren. Eine Biologin entdeckt nach Jahren im Labor ihre Liebe zur Kunstgeschichte und der pensionierte Deutschlehrer lernt, vor welchen Herausforderungen die globalisierte Wirtschaft heute steht. Nicht selten werden Hobby oder jugendlicher Wunschberuf im Seniorenstudium auf eine professionellere Ebene geholt. Für Barbara Maubach jedoch ist der Stoff nicht ganz neu. Bereits in ihrem Jugendstudium, wie sie ihre erste Begegnung mit der Universität bezeichnet, hat sie Literaturwissenschaften studiert. Eine Vorlesung zur Literatur des 20. Jahrhunderts unterscheidet sich heute ihrer Meinung nach inhaltlich gar nicht so sehr von vergleichbaren Veranstaltungen damals. Was sich dagegen verändert hat, ist die Art des Lernens: »Früher saß ich in Seminaren oft sehr weit hinten und war recht still«, erinnert sich Maubach. »Heute genieße ich es, mich auf anspruchsvollem Niveau auszutauschen und etwas zu entdecken. Ich erfahre mich jetzt völlig anders.« 

Foto: nexd GbR

Die Intelligenz entwickelt sich bis ins hohe Alter weiter

Die Erfahrung der Kölner Seniorenstudentin steht für ein neues Bild vom Lernen im Alter. »In der Gesellschaft findet ein Umdenken zum Leitbild des aktiven und produktiven Alterns statt«, sagt Dr. Miriam Haller, wissenschaftliche Leiterin des Gasthörer- und Seniorenstudiums. Die Alternswissenschaftlerin betont, dass es heute eine viel stärkere Beteiligung alter Menschen gebe – sowohl im Erwerbsleben als auch bei Freizeitaktivitäten. Das liegt unter anderem daran, dass ein pauschaler Abbau von intellektueller Leistungsfähigkeit im Alter als widerlegt gilt. Wenn man sich die Entwicklung des Lernvermögens anschaut, ist zwischen der fluiden und der kristallinen Intelligenz zu unterscheiden. Die fluide Intelligenz hat ihren Höhepunkt im jungen Erwachsenenalter und bestimmt etwa, wie schnell wir Informationen verarbeiten. Die kristalline Intelligenz dagegen entwickelt sich wie eine Patina bis ins hohe Alter weiter. Sie umfasst Erfahrungen, die wir im Laufe des Lebens machen und Wissen, das wir uns aneignen, wie zum Beispiel soziale Intelligenz oder der Spracherwerb. So gesehen gleicht der Gewinn der einen Intelligenzform den Verlust der anderen aus. Das Sprichwort »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr« ist damit überholt. Lernen kann man bis ins hohe Alter. »Eine altersbedingte Grenze«, da ist sich Haller sicher, »gibt es nicht.« Was sich jedoch oft ändert, ist die Fehlertoleranz. »Ältere Menschen sind häufig sehr kritisch sich selbst gegenüber. Fehler werden negativer empfunden als dies bei Jüngeren der Fall ist«, sagt Haller. »Didaktisch ist es deshalb wichtig, zu ermutigen und ein Klima zu schaffen, in dem Fehler akzeptiert werden.« 


Engagement lernen

In der Alternsforschung geht es längst nicht mehr nur darum, über alte Menschen zu forschen, sondern sie aktiv an der Entwicklung neuer Modelle zu beteiligen. Gerade in einer Zeit, in der die ältere Bevölkerung stark wächst, wird es zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, neue Vorstellungen vom Zusammenleben zu entwickeln. Der demografische Wandel erfordert, dass wir unabhängig von unserem Alter neue Dinge lernen. Auch die Politik formuliert deshalb immer deutlicher ihre Erwartung an ältere Menschen: Lernen soll unter anderem dazu dienen, in der Nachbarschaft ehrenamtliches Engagement aufzunehmen. Es ist ein Kampf gegen Vereinsamung. Wenn die Familie nicht mehr am gleichen Ort lebt, oder eine Anbindung an Vereine fehlt, können nachbarschaftliche Netzwerke diese Lücke füllen. Das klingt zunächst einmal für alle Beteiligten gewinnbringend. Doch die Erwartungen der Allgemeinheit stimmen hier nicht unbedingt mit den individuellen Bildungsinteressen älterer Menschen überein. 

Im Langenfelder Ortsteil Immigrath finden sich an einem verregneten Augustabend rund 30 Frauen und Männer im Café am Wald ein. Sie kommen zum Basistreffen ihrer ZWAR-Gruppe. Die Abkürzung ZWAR steht für Zwischen Arbeit und Ruhestand. Es ist eine Art Basar für Freizeitaktivitäten, zu denen sich Menschen ab 55 Jahren aus dem Ort verabreden. Sie treffen sich etwa zum Kartenspielen oder für Sprachkurse, organisieren aber auch politische Aktivitäten in der Gemeinde. Alle schauen an diesem Abend auf eine Tafel, an die Zettel gepinnt sind: Auf einem stehen die nächsten Termine für Kegelabende, auf einem anderen, für wann die Besichtigung einer Schuhfabrik geplant ist. Die Gruppe diskutiert. Aus einer Ecke heißt es: »Ich brauche noch mindestens sechs Leute fürs Bogenschießen.« Am anderen Ende des Raums bekommen es nicht alle mit. Hier geht gerade die Liste für das Sommerfest rum. Die beiden freiwilligen Moderatorinnen sorgen für Ruhe und fragen in die Gruppe, wer noch eine Aktivität anbieten möchte. Nach einer Stunde gehen alle mit einem gefüllten Terminkalender nach Hause oder ziehen noch auf ein Getränk weiter. 

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Keine Vereinsmeierei

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uni Köln haben 103 solcher ZWARNetzwerke in Nordrhein-Westfalen untersucht. Anne Löhr vom Centrum für Alternsstudien (CEfAS) resümiert: »Diese Gruppen überwinden Rollenbilder von älteren Mensch als passive Adressaten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind hier zu einer Selbstorganisation gefordert, die sie zunächst einmal erlernen müssen.« Die ZWAR-Zentralstelle in Dortmund bietet deshalb Weiterbildungen zu Themen wie Moderation oder Konfliktlösung an. Das Besondere an diesen Gruppen ist, dass sie so gut wie keine institutionelle Anbindung haben. Die ZWAR-Netzwerke werden nur in der Anfangsphase von den Kommunen begleitet und dann sozusagen in die Selbstständigkeit entlassen. Das Konzept sieht niemanden vor, der sich um ein Programm kümmert, das die Teilnehmerinnen und Teilnehmer passiv konsumieren. Anders als bei Vereinen gibt es auch keine festgeschriebene Satzung und keinen Vorstand. Alle entscheiden basisdemokratisch wie sie ihr Netzwerk entwickeln. Damit sprechen ZWAR-Gruppen auch Menschen an, die mit Kirchengemeinden und Kegelvereinen wenig am Hut haben. Doch führt dieses Konzept wirklich dazu, dass sich ältere Menschen vor Ort mehr engagieren? Wie verändert so ein Netzwerk seine Teilnehmerinnen und Teilnehmer? Und wenn es schon keine klaren Regeln gibt – was passiert, wenn es kracht? 

Mit Hilfe von Fragebögen und Gruppeninterviews haben die an der Studie beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler herausgefunden, wie sich ZWAR-Netzwerke auf die Persönlichkeit auswirken. »Wir konnten feststellen, dass vor allem neue soziale und kommunikative Kompetenzen aufgebaut werden«, sagt Löhr. Dadurch, dass sich alle aktiv in den Gruppen einbringen, erhalten die Menschen ein positiveres Bild vom eigenen Alter. Die Befragten gaben unter anderem an, dass es ihnen jetzt leichter fällt, Aktivitäten zu organisieren, Konflikte zu lösen oder vor einem größeren Publikum zu sprechen. Viele sind davon überrascht, dass sie den Mut zu Dingen entwickeln, die sie sich vorher nie zugetraut hätten. Wichtig ist also nicht nur, was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen, sondern auch wie sie es lernen. 

ZWAR-Netzwerke sehen weder Hierarchien noch eine Satzung vor. Die Hemmschwelle, selbst eine Aktivität anzubieten, ist deshalb sehr gering. Auf der anderen Seite führt die offene und dynamische Ausrichtung auch zu Konflikten. Löhr: »Für manche Mitglieder ist der Umgang mit einer Vielfalt anderer Meinungen zunächst ungewohnt. Bei einigen führt das auch dazu, dass sie die Gruppe wieder verlassen. « Doch die Studie zeigt: Die Mehrheit nimmt Konflikte in Kauf und findet sich schließlich zusammen. 


Fast wie eine zweite Nachbarschaft

Es bleibt die Frage, ob ZWAR-Netzwerke tatsächlich nachbarschaftliches und ehrenamtliches Engagement befördern. »Diese These können wir nicht ganz eindeutig bestätigen«, so Löhr. Ausschlaggebend für eine Teilnahme an einer ZWAR-Gruppe seien zunächst hedonistische Gründe: Den meisten komme es ganz einfach darauf an, während der Gruppenaktivitäten in Gesellschaft zu sein und Spaß zu haben. »Trotzdem fördern die ZWAR-Netzwerke eher ein Engagement darüber hinaus«, fügt Löhr hinzu. Die Studie zeigt, dass die Netzwerke viele Personen anziehen, die ohnehin schon ehrenamtlich aktiv waren, und die ZWAR-Teilnahme dieses Engagement eher noch bestärkt. 

Der Erfolg von ZWAR-Netzwerken hängt jedenfalls auch mit der hohen Hilfsbereitschaft der Mitglieder zusammen. Die geben in der Studie an, sich regelmäßig gegenseitig zu unterstützen – zum Beispiel mit Fahrdiensten, technischem Support oder wenn es ganz einfach darum geht, nicht allein zu sein. Anders als bei klassischen Kursen und Vorträgen tauschen sich die Mitglieder oft auch nach einer Veranstaltung intensiv aus. Menschen, die vorher teilweise gar nicht miteinander in Kontakt waren, bilden somit nach kurzer Zeit ein Unterstützungsnetzwerk. Allerdings erfolgt die gegenseitige Hilfe in erster Linie untereinander. Man könnte also sagen, dass die ZWAR-Netzwerke eine Art zweite Nachbarschaft bilden. Eine Nachbarschaft, die unabhängig von den Grenzen einer Wohnsiedlung ist. Eine Nachbarschaft, die auf Freiwilligkeit basiert. Eine Nachbarschaft, in der die Menschen bereit sind, neue Dinge zu lernen. Mit anderen Worten: alles kann, aber nichts muss passieren.