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Foto: nexd GbR

»Wir müssen den Alterungsprozess noch viel besser  verstehen«

Unsere Lebenserwartung steigt weiterhin – auch dank der Alternsforschung. Aleksandra Trifunovic, Professorin und Arbeitsgruppenleiterin am Exzel­lenzcluster CECAD für Alternsforschung, sucht nach den molekularen Ursachen von Alternserkrank­ungen. Dabei geht es nicht darum, immer älter zu werden, sondern länger gesund leben zu können.

von Sebastian Grote

Wie nah sind wir dran an einer Pille, die das Altern stoppt? 

(lacht) Das kommt darauf an, was mit »Altern stoppen« gemeint ist. Die Menschen, die in der Alternsforschung arbeiten, versuchen nicht die Lebensspanne um hundert Jahre oder so zu verlängern. Wir wollen die alternsassoziierten Krankheiten aufhalten und die gesunde Lebensspanne verlängern, sodass man mit 80 immer noch gesund ist und nicht unter verschiedenen Krankheiten leidet. Leider sind wir davon noch relativ weit entfernt, aber es gibt eine große wissenschaftliche Gemeinschaft, die daran forscht, und fast jeden Tag kommen neue Erkenntnisse dazu. Während wir uns unterhalten, wird etwas Neues herausgefunden. Das Problem ist, dass Altern sehr komplex und kompliziert ist. Ich denke eher nicht, dass wir jemals die eine Pille finden, die all das stoppen kann. 

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen der Alternsforschung?

Die größte Herausforderung ist die Komplexität des Prozesses. Wir arbeiten nicht an einer einzelnen Krankheit, wir arbeiten an verschiedenen Krankheiten auf vielen verschiedenen Ebenen. Die alternsassoziierten Erkrankungen reichen von neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer bis zu unterschiedlichen Arten von Krebs, Diabetes und ähnlichem. Praktisch jedes Organsystem unseres Körpers ändert sich mit dem Altern und kann auf verschiedene Art und Weise erkranken. 


Wir müssen besser mit der breiten Öffentlichkeit kommunizieren

Pseudowissenschaften und Quacksalber spielen eine große Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Wie können Sie dagegen angehen? Das ist leider wahr. Immer wieder tauchen Dinge auf, die eigentlich Pseudowissenschaft sind. Beispiele sind eine Obsession mit glutenfreier Ernährung, Detox- Smoothies und so weiter. Es steckt ein bisschen Wissenschaft drin und dann wird es Pseudowissenschaft. Wir müssen uns als Forscher viel mehr einbringen und in der Öffentlichkeit präsenter sein. 

Können Sie ein Beispiel dafür geben, wie das gelingen kann?

Wir müssen Kinder und junge Leute begeistern, unsere Türen öffnen, damit Leute verstehen können, was wir machen, und in den Medien präsenter sein. Etwas was viele Wissenschaftler noch nicht so stark nutzen sind die neuen Möglichkeiten, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Wir hängen immer noch sehr an Veröffentlichungen, Interviews und dem Fernsehen als Medium. Aber es gibt so viel Neues, wir sollten mehr probieren: Instagram, Facebook und andere Arten der Kommunikation. Wissenschaftliches Bloggen ist wichtig und könnte eine Gelegenheit sein, mit mehr jungen Menschen zu kommunizieren – und mit Menschen, die Antworten im Internet suchen. Viele Blogs verkaufen Pseudowissenschaft, besonders mit Diäten, um das Altern zu stoppen. Dem sollten wir etwas entgegensetzen und unsere Sichtbarkeit erhöhen. 

Wir werden immer älter, was auch zu umfassenderen Fragestellungen führt: Wie möchten wir unser Leben leben, wer wird später nach uns schauen, wer bezahlt dafür? Welche Lösungen sehen Sie? 

Forschung mit dem Ziel, die gesunde Lebensspanne zu erhöhen würde helfen, diese herausfordernde Bürde der steigenden Gesundheitskosten einer alternden Gesellschaft zu schultern. Das ist eines der Hauptprobleme und betrifft viele Bereiche, wie unser Renten- oder das Altenpflegesystem. In ganz Europa stehen diese Systeme vor einer Herausforderung. Wenn sich die gesunde Lebensspanne erhöht, müssen wir aber auch über eine Verlängerung der Arbeitszeit nachdenken. Auf lange Sicht, mit einer von Generation zu Generation steigenden Lebenserwartung, werden wir das System so nicht mehr finanzieren können. 

Aubrey de Grey ist ein in Cambridge lebender Bioinformatiker. In seinem Buch »The Mitochondrial Free Radical Theory of Aging« behauptet er, dass wir das Altern stoppen können, indem Schäden aus der mitochondrialen DNA entfernt werden. Was ist Ihre Meinung zu ihm und seiner Forschung? 

Ich kenne Aubrey seit einigen Jahren persönlich. Er ist eine bemerkenswerte Person, er hat einige Leute an Bord geholt und Gelder für die Alternsforschung eingeworben. Dennoch glaube ich, dass er auch eine Menge Schaden in dem Feld anrichtet, weil er behauptet, einen exzellenten Plan zu haben, um das Altern zu stoppen, und Wissenschaftler ihm einfach nicht zuhören. Das stimmt so natürlich nicht. Er hat die Vorstellung das Altern so anzugehen, wie man es bei einem Auto machen würde – indem man Teil für Teil ersetzt. Er behauptet, wir könnten das Altern stoppen und tausend Jahre leben, wenn wir seinen Richtlinien folgen, die ziemlich simpel sind. Dabei ist das Problem nicht simpel, im Gegenteil: Wir verstehen immer noch nicht die molekularen Mechanismen des Alterns. Wir verstehen immer noch nicht, was die verschiedenen Faktoren sind, die dazu beitragen. Was er vorschlägt hat mit der Realität nichts zu tun und ist eher Science-Fiction. 

Mit CRISPR / Cas9 hat eine neue Technik Einzug gehalten, die viel verändern wird. Mit dieser molekularbiologischen Methode ist es möglich gezielt Gene mit einer Art »Genschere« zu entfernen oder zu verändern. Wo sehen Sie die Alternsforschung in zehn Jahren? 

Zuerst gilt: Wir müssen den Alterungsprozess an sich noch viel besser verstehen. Mit CRISPR haben wir erstmals die Möglichkeit, Dinge in einem einzelnen Lebewesen zu verändern, und das ist fantastisch. Das wird die Wissenschaft in allen Bereichen, allen Teilen und allen Disziplinen beeinflussen. CRISPR wird auch für die Alternsforschung große Bedeutung erlangen. Es wird aber erstmal für Krankheiten wichtiger sein, die nur von einer genetischen Mutation ausgelöst werden. Alterung ist so komplex, dass sie nicht zu den ersten Dingen gehören wird, die wir mit CRISPR reparieren können. 

Ihre Tochter hat gerade auf dem Gymnasium angefangen. Wie erklären Sie ihr, was Sie jeden Tag tun? 

Kinder sind generell neugierig und lieben Experimente, auch meine Tochter. Zu Hause haben wir DNA aus Erdbeeren isoliert, das hat sie und ihre Freunde wirklich beeindruckt. Sie mag Wissenschaft bisher wirklich gerne. Sie weiß nicht im Detail, was wir machen, besucht das Labor aber sehr oft. Vor ein paar Jahren hatten wir ihre ganze Schulklasse für ein paar Stunden zu Besuch – und danach wollten sie alle sofort eine ganze Woche bleiben. Es ist großartig, wie Kinder die Welt sehen. Einer ihrer Freunde hat den Fadenwurm C. elegans mit roter Fluoreszenz unter dem Mikroskop gesehen. Wir haben dann erklärt, dass das mit einem Protein gemacht wird, das aus Quallen stammt. Dann meinte der Junge: »Das ist so wie mit den Flamingos, die Krebse essen und dann rot werden, oder?« Das ist eine hervorragende Idee. Es zeigt, dass Kinder an Wissenschaft interessiert sind und wirklich darüber nachdenken, was wir Ihnen erzählen.

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Mitochondrien produzieren 70 Kilo »zellulären Kraftstoff« – Tag für Tag

Können Sie zusammenfassen, worum es bei Ihrer persönlichen Forschung geht? 

Persönlich bin ich an Mitochondrien interessiert. Sie kommen in jeder Zelle unseres Organismus vor und produzieren fast die gesamte Energie, die wir benötigen. Die Menge dieser Energie ist unvorstellbar. An jedem einzelnen Tag produzieren sie fast 70 Kilo des Energieträgers Adenosintriphosphat (ATP)! Das entspricht fast dem Körpergewicht. Mitochondrien waren früher Bakterien und haben dann Zellen besiedelt und sind dort geblieben. Damit wurde es den Zellen möglich, Sauerstoff zu nutzen und viel mehr Energie zu produzieren. Das war der Boom, der das Erscheinen von vielzelligen Organismen erst ermöglichte. Diese Symbiose ist aber auch mit gewissen Kosten verbunden. Mit der Zeit akkumulieren sich verschiedene Mutationen, und Mitochondrien produzieren reaktive Sauerstoffe, auch freie Radikale genannt, die schädlich sein können. Mittlerweile wissen wir aber auch, dass sie eine wichtige Rolle in Signalwegen spielen. Ich arbeite an grundlegenden molekularen Mechanismen, wie Mitochondrien mit den Zellen kommunizieren und wie sich das während des Alterns und bei bestimmten Erkrankungen verändert. Diese Krankheiten haben vor allem mit Neuronen und Muskeln zu tun. Das hat wiederum mit dem Alterungsprozess zu tun, denn diese Gewebe haben die größten Probleme mit dem Altern. Jede einzelne mitochondriale Krankheit ist selten. Zusammen betreffen sie aber einen von dreitausend Menschen. Bei Kindern kommt das der Anzahl der Krebserkrankungen gleich. Wir wissen nicht, welcher Teil des Alterns von Mutationen der mitochondrialen DNA hervorgerufen wird. Wir wissen, dass sie den Alterungsprozess begleiten und mit dem Alter zunehmen. Aber machen sie fünf Prozent des Prozesses aus, zehn, zwanzig? 

Was meinen Sie: Wird es eine Pille gegen mitochondriale Krankheiten in fünf, zehn oder zwanzig Jahren geben? 

Ähnlich wie beim Altern gilt, dass mitochondriale Krankheiten ein weites Feld sind und verschiedene Organe betreffen können. Wir können sie nicht wirklich alle gemeinsam bekämpfen, vielleicht aber in Gruppen. Es gibt bereits neue Behandlungsmöglichkeiten. Leider haben wir aber bisher keine Behandlung, die heilt, sondern nur die Möglichkeit, ein Leben mit den Symptomen zu verbessern. Ich möchte keine Abschätzung in Jahren abgeben und Leuten damit falsche Hoffnungen machen. Aber jeden Tag haben wir neue Ideen. Daher denke ich, dass es »bald« so weit sein wird. 

Sie scheinen ein europäischer Prototyp zu sein: Geboren in Montenegro, studiert in Belgrad, danach sind Sie nach Stockholm gegangen, jetzt sind Sie in Köln. Bei all den verschiedenen Ländern, wo sehen Sie die größten Unterschiede beim Altern und Erforschen des Alterns? 

Ich fühle mich in vier Städten und vier Ländern zu Hause. Schweden und Deutschland sind ziemlich ähnlich, Schweden hat eine der am längsten lebenden Bevölkerungen und Deutschland ist sehr nah dran. Deutschland hat mehr alternsspezifische Zentren, weil es größer ist und mehr in die Erforschung steckt – Deutschland ist wahrscheinlich der beste Ort in Europa für Forschung. Und beim Thema Altern sind wir definitiv ganz vorne. 


CECAD hat den Universitäts-Campus verändert

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CECAD möchte wieder Teil der nächsten Exzellenzinitiative sein. Warum sollte CECAD teilnehmen? 

Ich wurde in der frühen Phase rekrutiert und sehe, wie CECAD den Campus seit 2009 verändert hat. In der zweiten Runde wurden wir auch zur Exzellenz-Universität und CECAD ist ein Teil dieses Erfolgs – denn wir haben es geschafft, eine internationale Gruppe verschiedener Menschen sehr erfolgreich an einem Thema arbeiten zu lassen. 

Wenn Sie drei Wünsche für CECAD frei hätten, was wären sie? 

Erstens: Die Förderung durch die Exzellenzinitiative zu bekommen, das wünscht sich jeder. Es ist nicht so, dass einzelne Wissenschaftler mehr Geld bekommen, aber das ändert alles um uns herum. Wir können neue Forscher rekrutieren und in noch bessere Einrichtungen investieren. Zweitens: Ich möchte, dass CECAD ein weltweit bekanntes Forschungszentrum wird, und wir sind auf einem guten Weg dahin. Drittens: Ich wünsche mir, dass wir junge Forscher rekrutieren und unterstützen können. Nur mit jungen Leuten kann man aufblühen, neue Ideen und neue Forschung entwickeln.